07.03.2003
 

Vogtland Anzeiger

07. 03. 2003

PERUANISCHER GAST AN DER

 MITTELSCHULE REUSA

Brücke zwischen den Kulturen schlagen

PLAUEN - Kürbisse können ganz schön laut werden. Wie das ge­hen soll? Man erntet sie, egal in welcher Größe, höhlt sie aus, trocknet Kerne und Gehäuse bei etwa 40 Grad im Schatten, füllt anschließend den einstigen Kür­bis wieder mit den natürlichen Klangerzeugern, schließt die Hoffnung mit Kautschuk und befes­tigt daran je nach Bedarf und Grii• Lic einen Griff aus Bambusholz. So in etwa lautet das Rezept für die kleinen, handlichen Chacchas und die großen, schweren Mara­cas - zu gut deutsch Rasseln. litt mitteleuropäischen Klima ist die Anleitung natürlich kaum umzu­setzen - wann hat es hierzulande schon mal 40 Grad im Schatten? Die Rhythmusinstrumente stam­men aus Südamerika, dort wie­derum sind sie überwiegend in Bolivien und Peru zu finden.

Am Mittwochvormittag stan­den diese exotischen Musikinstrumente sowie peruanische Zamponas, Quenas, Pinkillos, Okarinas und noch einige mehr im Mittelpunkt einer ganz beson­deren Unterrichtsstunde in der Plauener Mittelschule Reusa. Mitgebracht hatte sie Carlos Sánchez-Chinen. Der 36-jährige Peruaner entlockte den mit bunten, india­nischen Malereien verzierten Musikinstrumenten an% seiner Heimat für uns fremde, Fernweh hervorrufende Melodien.

Der Peruaner ist mit seiner Fa­milie seit zehn Jahren in Meiningen zu Hause. Zuvor lebte er für kurze Zeit in Schweden und Russ­land, studierte unter anderem in Moskau und Leipzig Musikpädagogik und Historische Musikwissenschaften. 1990 erlangte er sei­ne Diplome als Musiklehrer und Orchesterleiter. Seit nunmehr vier Jahren ist Carlos Sánchez-Chinen mit seinen Vortragsver­anstaltungen für Kinder und Er­wachsene an Schulen in Sachsen, Thüringen und Bayern als mobi­ler Musiklehrer unterwegs.

„Ich mochte die Schüler für die Musik anderer Völker sensibilisie­ren, mit Vorurteilen aufräumen und eine Brücke zwischen den Kulturen schlagen. Jedes Schul­jahr konzentriere ich mich auf ei­ne Region in Deutschland. Im Ja­nuar und Februar bin ich aller­dings meist in meiner Heimat", erzählte Carlos Sánchez-Chinen.

 „Der Lebenswandel in Süd­amerika und Europa ist nicht ein­und derselbe. In meiner Heimat verdienen die Menschen nicht viel. Deshalb geben sie auch nicht viel Geld aus. 1 her ist es das Gegenteil", verglich er die beiden, voneinander Tausende von Kilo­metern entfernten Kulturen. Nicht nur der Musik des perfekt Deutsch sprechenden Pädagogen im Inka-Outfit mit Poncho und Strohhut lauschten die 67 Schüler der drei sechsten Klassen voller Spannung und Geduld, sondern auch seinen Erklärungen während eines Dia-Vortrags über Ge­schichte, Geografie, Traditionen und Kuriositäten seines Landes.

Aktiv werden durften einige von ihnen beim Trommeln oder dem vorsichtigen Bewegen von Lluvias, getrockneten Kakteen­stocken mit dornigem Inhalt. Von (tun traditionellen Medizi-nern der Südamerikaner, den Schamanen, werden diese zau­berhaften Klangerzeuger als Re­genmacher bezeichnet.

Dass ein "feil der indianischen Bevölkerung Perus und Boliviens zum Beispiel auf schwimmenden Inseln aus Schilf Im Tlticaca-See in Schulen, Kirchen und zum Ein­kaufen geht und sogar darauf wohnt, verwunderte die Zwölf­und 13 Jährigen samt der Klas­senlehrerinnen Marina Reinsch und Petra Üblacker genauso wie die Tatsache, dass nicht alle La. mas spucken, oder die merkwür­digen Essensgewohnheiten der vermischten Kulturen Südamerikas, deren Wurzeln auf nahezu alle Kontinente zurückgehen. Carlos Sanchez-Chinen, der selbst indianische, spanische, englische und japanische Vorfah­ren hat, ist schon gewohnt, dass seine selbst fotografierten Auf­nahmen von mit feuerrotem ChiIIi gewürztem Kakao oder bunten Maiskolben von Europäern zu­nächst belächelt werden. „Bei uns gibt es eben nicht nur so langwei­liges, gelbes Popcorn im Kino, sondern auch violettes, rotes, grü­nes und schwarzes", erzählte der in der peruanischen Hauptstadt Lima geborene, studierte Musiker seinem jungen Publikum.

„Und Chili ist bei uns nicht nur der Name für ein Gewürz, son­dern auch für eine kleine Panflöte." Diese macht ihrem Namen auch alle Ehre: Auf Grund der ge­ringen Größe der einzelnen, flssförmig zusammen gesetzten Pfei­fen und des damit erhöhten Reso­nanzraumes klingt die Chili-Pan. Flöte nämlich ziemlich scharf.

Zur Erinnerung an den beson­deren Lernstoff, der laut Frau Reinsch zwar im Deutsch- und Musikunterricht sowie eventuell in Geographie besprochen wer­den soll, aber nicht überprüft wird, bekam jeder Schüler ein ganz besonderes Geschenk als Souvenir überreicht: eine Okarina. Natürlich zeigte Carlos Sanchez-Chinen den jugendlichen zuvor noch kurz, wie man diese winzige, mit sonnig warmen Far­ben bemalte Gefäßflöte zum Sin­gen bringt. Bei einigen Kindern klappte es zwar noch nicht auf Anhieb mit dem weichen, harmonischen Streichel-Klang, aber auf dem Nachhauseweg wurde schon tüchtig geübt. alex

 

 
     
     
 
 
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